Fast jeder redet darüber. Und wir reihen uns natürlich ein. Inzwischen dürfte jeder schon von dem anrüchigen Bestseller gehört haben. Und vermutlich weiß der Großteil der Lesewütigen auch, worum es geht. Sadomasochismus dominiert im wahrsten Sinne des Wortes. In Großbritannien verkaufe sich das Buch inzwischen sogar schneller als Harry Potter und Twilight. Aber was macht das Buch mit pornografischem Inhalt so beliebt?

Die Story

Es könnte eine ganz gewöhnliche Love Story sein. Eine jungfräuliche Studentin namens Anastasia Steele verliebt sich in den steinreichen, attraktiven Unternehmer Christian Grey, der – wie sollte es auch anders sein – eine schlimme Kindheit hatte. Unberührte Schönheit trifft traumatisierten Milliardär. Aus der braven Studentin macht er eine unterlegene Sexsklavin. Sie überlässt ihm die völlige Kontrolle über sich, selbst fernab von Fesselspielchen und Peitschenhieben. Er bestimmt, wie oft sie isst, was sie trägt, wie viel Sport sie betreibt, wie viel Alkohol sie konsumiert und natürlich: wie viele Stunden sie pro Woche zu seiner Verfügung stehen muss. Eine Geschichte über Eroberung, Luxus und eine ganze Menge harten Sex. Wo die Frau jahrelang für ihre Emanzipation kämpfte, scheint man hier wieder einen Schritt zurück zu tun, sollte man meinen. Leitfigur beim Thema Emanzipation, Alice Schwarzer, sieht Shades of Grey erstaunlicherweise aber keinesfalls als Rückschritt. Vielmehr sei die Tatsache, dass eine Frau über männlichen Sadismus und gleichzeitig über ihre eigenen Fantasien schreibe, ein Zeichen der Emanzipation.

 

Die Leserschaft

Bislang begeistern sich überwiegend ausgerechnet Frauen für das über 600-seitige Sadomaso-Epos, das fast an altmodische Rollenbilder erinnert. Aber wieso? Sexuelle Fantasien der Unterwerfung und des dominiert Werdens scheinen unter den Damen weit verbreitet zu sein, das ergab laut Focus Online eine Metaanalyse von 20 Studien. Für viele bleibt Fantasie aber eben Fantasie, im echten Leben wären sie eher nicht bereit dazu, sich einem Mann derart unterwürfig zu ergeben. Schließlich ist man in seiner eigenen Fantasie auch sein eigener Regisseur, hilflose Auslieferung geht dort letztlich immer nur so weit, wie man es selbst möchte. Und selbst, wenn sie weiterginge, täte es niemandem weh. Die sexuelle Ungleichheit könne für viele im Gegensatz zu der allgegenwärtigen Gleichberechtigung im Alltag eine Befreiung sein, so die Bild. Theorien besagen, dass ausgerechnet emanzipierte Frauen eine Tendenz dazu haben, sich dominieren zu lassen, als Auszeit von den oft anstrengenden Aufgaben im gleichberechtigten Alltag sozusagen. Gleichsam neigten erfolgreiche Männer dazu, sich von einer Domina unterwerfen zu lassen.

Literarischer Unfug oder Nervenkitzel pur?

Selten wurde ein sexverherrlichendes Buch – noch dazu die Verherrlichung der bislang literarisch eher wenig beachteten Sadomaso-Szene – derart heiß diskutiert. Während Literaturkritiker sich über den Softporno in Schriftform und die mangelnde Wortgewandtheit der Autorin E.L. James pikieren, scheint diese mit dem Thema den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Vielleicht ist das Interesse an sexueller Unbefangenheit und gleichzeitiger körperlicher Unterdrückung größer als bislang angenommen. Dass – wie im Buch – die Vorliebe für die Ausübung von Dominanz auf Kindheitstraumata beruhe, ist übrigens Unsinn.

Bestseller verkaufen sich trotz (oder gerade wegen) negativer Kritik oft bestens. Der Mensch als Rudeltier möchte wissen, worüber der Rest der Welt spricht, möchte mitreden, möchte mitdiskutieren und seine Neugier stillen. Letztere gilt meistens eben Themen, die sonst eher selten besprochen werden. Zudem könnte es vielen bislang unangenehm gewesen sein, in einer Buchhandlung ein Buch über harte Sexpraktiken zu kaufen. Mit Shades of Grey wird Sadomaso ein kleines bisschen salonfähiger und rückt damit auch in den Akzeptanzbereich der deutschen Leserschaft. Und dass Frau im Bett machen kann, was sie will (wenn’s sein muss eben auch hilfloses Ausgeliefertsein) könnte schließlich auch als emanzipatorische Errungenschaft interpretiert werden.

Die skandalumwitterte Trilogie "Shades of Grey"Facts

- Die 49-jährige Autorin, die unter dem Synonym E.L. James schreibt, soll inzwischen durch den Verkauf der Bücher ein Vermögen von 50 Millionen Dollar ihr Eigen nennen dürfen.

- Die Trilogie wurde inzwischen in 37 Sprachen übersetzt. Band 1 mit dem Titel Shades of Grey – Geheimes Verlangen erschien gerade auf Deutsch. Band 2 (Shades of Grey – Gefährliche Liebe) und Band 3 (Shades of Grey – Befreite Lust) folgen im September und Oktober. Bis dahin dürfen sich alle, die Blut geleckt haben, an Band 1 versuchen und sich an den sexuellen Neigungen von Anastasia Steele und Christian Grey ergötzen.

- 5 Millionen Dollar blätterten Universal Pictures und Focus Features nach einem erbitterten Bieterkrieg für die Filmrechte hin.

- Unterdessen verhandelt E.L. James‘ Agent über die kommerzielle Ausschöpfung der Marke Shades of Grey. Kosmetiklinie, Bettwäsche, Parfüm, Unterwäsche, sogar Möbel und natürlich Sexspielzeug könnten dem Hype um den Porno in Buchform weiteren Aufwind bescheren. Na, wie eine Bettwäsche wohl aussehen, ein Parfüm riechen und Möbelstücke im Kontext des Sadomaso-Themas ausfallen würden…Wir sind gespannt, was uns die nervenaufreibende Trilogie noch alles bescheren wird. 

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